„Titanic“ Neumünster: Rassismus, Gewalt & Volksverhetzung

Warum die „Titanic“ keine normale Kneipe ist!

„In der ‚Titanic‘ geht die militante rechtsextreme Szene ein und aus. Genauso aber auch moderate Rechtsextreme, Alltagsrassisten, aber auch aggressive Rocker.“ (Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit)

1. Die Titanic und die militante extreme Rechte

Thorsten Heise als Gastredner bei der NPD-Auftaktveranstaltung zur Kommunalwahl 2018 in der „Titanic“ Neumünster

Am 25. März 2018 wurde kein anderer als Thorsten Heise als Gastredner in die „Titanic“ eingeladen. Heise, der auf seinem Grundstück ein Denkmal für die 1. SS-Panzer-Division Leibstandarte-SS Adolf Hitler errichtete, ist bei weitem kein Unbekannter: Er ist mehrfach vorbestraft wegen schwerer Körperverletzung, Landfriedensbruch, Nötigung, Volksverhetzung und dem Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen – so versuchte er 1989 z.B., einen libanesischen Geflüchteten mit dem Auto zu überfahren. Das Logo seiner im Dreiländereck zwischen Niedersachsen, Hessen und Thüringen agierenden „Arischen Bruderschaft“ zeigt zwei gekreutzte Handgranaten, 2007 fand die Polizei bei ihm u.a. eine Maschinenpistole vom Typ Uzi Kaliber 9 Millimeter, ein historisches Maschinengewehr 34 Kaliber 7,92 Millimeter und eine Pistole vom Typ FN 10/22 Kaliber 7,65. Heise fungierte wohl eine Zeit lang als Koordinator zur Neonaziszene in Südafrika, wo militärische Trainings stattgefunden haben. NSU-Unterstützer Holger Gerlach war Gast auf Heises Hochzeit, zu ihm bestand aber auch darüber hinaus ein reger Briefkontakt, mehrfach gab es Unterstützungsanfragen für den NSU. So wurde Heise 1999 auch angesprochen, ob er helfen könne, das untergetauchte Trio „außer Landes zu bringen“. Kein Wunder, dass gerade Heise diebezüglich angesprochen wurde: Ein im Juli 2018 erschienener Artikel beleuchtet seine zentrale Rolle beim Aufbau des deutschen Ablegers des internationalen Neonazi-Netzwerks „Blood & Honour“, er verfügt über beste Kontakte ins Ausland. Horst Micheel, der bei jeder Gelegenheit beschwört, in der „Titanic“ gäbe es nur „unpolitische Erlebnisgastronomie“, störten diese Fakten offensichtlich nicht, auch nach Bekanntwerden von Heises Auftritt distanzierte er sich in keiner Weise.

Sturmabteilung Ortsgruppe Faldera

Zur Stammkundschaft der Kneipe „Titanic“ in der Wippendorfstraße 38 zählen von Anfang an auch Nazis der „Sturmabteilung Ortsgruppe Faldera“ (SA Faldera), vor allem Rene Martens. Die „SA Faldera“ besteht vor allem aus Nazis, die ihre öffentlichen Aktivitäten in der letzten Zeit deutlich reduziert, sich ideologisch aber nicht vom Nationalsozialismus abgewandt haben, und sich nun zum Feiern mit Bier, Grillwurst und Rechtsrock treffen, zu Nazikonzerten fahren, usw. Dass sie nach wie vor gefährlich sind, bewiesen sie am 01. Mai 2012, als sie aus Andreas Krügers Gartenparzelle heraus Jagd auf Gegendemonstrierende machten und einige von ihnen verletzten. Viele dieser „Freien Kräfte“, denen die NPD zu handzahm ist, kennen sich z.B. aus der extrem rechten Kampfsportschule „Athletik Klub Ultra“.

Parteibüro der Linkspartei Neumünster nach Angriff

Wie aus der Chronologie hervorgeht, gab es im Laufe der Jahre auch aus der „Titanic“ heraus immer wieder Angriffe auf Gebäude oder deren Gäste, z.B. auf die Aktion Jugendzentrum, die Moschee oder das Linken-Büro. Im Jahr 2009 hatten sich die offensiv auftretenden und für die von ihnen begangenen Übergriffe auf politisch Andersdenkende bekannten „AG Kiel“ und „AG Neumünster“ vor und in der „Titanic“ getroffen, bevor sie eine Tierrechts-Gruppe angriffen und auf sie eintraten, als sie schon am Boden lagen. Bei einem Soli-Konzert für die „Club 88“-Betreiberin in der „Titanic“ beschlagnahmte die Polizei ein Butterfly-Messer, das laut Waffengesetz ein verbotener Gegenstand ist. Erst im September 2018 gingen zum wiederholten Male Scheiben an der Aktion Jugendzentrum, die sich klar gegen Nazis positioniert und unweit der Kneipe gelegen ist, zu Bruch.

2. Die „Titanic“ und die NPD

Zur Erinnerung: Die NPD zielt laut Bundesverfassungsgericht auf die „Beseitigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“, ihr könne somit „Verfassungsfeindlichkeit“ attestiert werden – für ein Verbot erschien die Partei aber zu unbedeutend.

Horst Micheel beim „Tag der deutschen Zukunft“ (TDDZ) am 6. Juni 2009 in Pinneberg

Horst Micheel, Wirt der „Titanic“, beteiligte sich bereits 2007 und 2008 an Naziaufmärschen vorwiegend im norddeutschen Raum, wie beispielsweise in Neumünster, Lübeck und Hamburg. Micheel, bereits seit 2006 NPD-Mitglied, fungierte eine Zeit lang als Beisitzer im NPD-Kreisverband. Sein Arbeitsplatz bietet ihm vor allem aber die Möglichkeit, Kneipengäste ganz nebenbei politisch zu agitieren und „Freie Kräfte“ an die NPD heranzuführen. Dass die NPD diese Strategie fest im Blick hat, zeigt, dass bereits vor einigen Jahren der Posten „Kontakt zu den Freien Kräften“ im Kreisverband Segeberg-Neumünster u.a. mit Horst Micheel besetzt war. Micheel besuchte im August 2012 auch den NPD-Infotisch in Boostedt, kandidierte 2013 und 2018 für die extrem rechte Partei bei den Kommunalwahlen und zog vor einigen Monaten dann auch als NPD-Ratsherr in die Neumünsteraner Ratsversammlung ein. Im diesjährigen Kommunalwahlkampf fanden das Vortreffen der Kandidierenden, der Wahlkampfauftakt und die Wahlparty in der „Titanic“ statt.

Pascal Micheel mit dem ehemaligen Sänger, Michael Regener alias „Lunikoff“, der neonazistischen Rechtsrock-Band „Landser“

Auch Micheels Sohn Pascal, der zum „Titanic“-Team gehört und schon 2007 in Lübeck und Neumünster an Naziaufmärschen teilnahm und am versuchten Angriff auf die DGB-Veranstaltung am 1. Mai 2008 in Neumünster beteiligt war, kandidierte 2013 bei der Kommunalwahl für die NPD. Noch gewichtiger bei der Zusammenarbeit mit der extrem rechten Partei ist aber, dass Micheel seine Kneipe auch für Treffen des NPD-Landesverbands Schleswig-Holsteins zur Verfügung stellt. Schon mehrfach tagte z.B. der NPD-Landesvorstand hier, auf diesem Bild von 2013 sind der vor kurzem in seinem Amt bestätigte Landesvorsitzende Ingo Stawitz sowie sein Vorgänger Jens Lütke vor Micheels Kneipe zu sehen. Stawitz gehörte 2005 zu der Gruppe NPDler, die am Rande einer Parteiveranstaltung Demonstrierende angegriffen hatte, wofür ihn das Landgericht Itzehoe 2007 in einer Berufungsverhandlung wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe in Höhe von drei Monatsgehältern verurteilte. Lütke wurde im Juni 2008 vom Landgericht Kiel in zweiter Instanz wegen Verwendens von Zeichen verfassungswidriger Organisationen und Beleidigung zu einer Geldstrafe von 1.500 Euro verurteilt. Als Reaktion darauf bedrohte er den Richter im Netz: „Darf ich Sie einmal besuchen kommen, Herr Richter? Abends, wenn es schon ganz dunkel ist und Sie und ich nicht mehr arbeiten müssen? […] Eine Stimme, die nur ich höre, sagt mir, dass mancher Leser gerne mal einen Richter oder Staatsanwalt in freier Wildbahn erlegen würde.

3. Die „Titanic“ und Alltagsrassisten

Manfred Riemke bei einer AfD-Kundgebung am 4. Februar 2017 in Neumünster

„Überlasst den Linken nicht die Straße! Die Rote Front schlag sie zu…“ Dem antisemitischen Hitler-Fan Manfred Riemke, der inzwischen für die NPD im Bau- und Vergabeausschuss der Stadt Neumünster sitzt, erschienen lange Zeit manche Positionen seiner Partei schlichtweg zu gemäßigt. Einen Tag vor der AfD-Kundgebung vor der Holstenhallen postete Riemke obigen Gewaltaufruf, viele seiner Forderungen, die in verschwörungstheoretischer Manier simple Fakten ignorieren, entstammen aber auch dem Repertoire der derzeit stark medial beachteten „Reichsbürger“, wie z.B. der Forderung nach der Souveränität der Bundesrepublik, nach einem Waffenstillstand und einer Verfassung. Riemke hatte daher erfolglos versucht, zusammen mit seinem Freund Horst Micheel mit dem „Bund für Deutschland“ eine extrem rechte Alternative zur NPD zu etablieren. Die Gründungsveranstaltung fand in der „Titanic“ statt. Nach dem Scheitern dieses Projekts hat er in führender Position an der von Rockern und handfesten Nazis gegründeten angeblichen Bürgerbewegung „Neumünster wehrt sich“ mitgewirkt und deren Facebook-Seite verwaltet, gegen die die Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein Anzeige wegen Volksverhetzung erstattete. Die Tontechnik für einige der Kundgebungen von „Neumünster wehrt sich“ stellte die „Titanic“ zur Verfügung. Auch als ein Ableger der PEGIDA-Proteste in Schleswig-Holstein gegründet werden sollte, hat eines der „ersten Treffen […] nach NDR Informationen in der „Titanic“ in Neumünster stattgefunden. […] Ihr Betreiber Horst Micheel ist ebenfalls Mitglied bei Shegida.

4. Die „Titanic“ und Nazirocker

Mitglieder des rechten Motoradclubs „Contras Neumünster“ vor der „Titanic“

Schon 2009 versammelten sich Bandidos aus ganz Deutschland vor und in der „Titanic“. Ein Jahr später, nachdem die „Titanic“ umgezogen war, schrieb der Holsteinische Courier: „Nach der Geburtstagsfeier der Rockergruppe ‚Contras‘ mit großem Polizeieinsatz vor einer Woche ist es nicht mehr von der Hand zu weisen: Die Gaststätte Titanic an der Wippendorfstraße in Neumünster ist zum Rocker-Treff geworden.“ Björn Micheel, Stiefbruder von Pascal, war „Hangaround“ bei den Contras, dem Bandidos-Unterstützerverein. Der Rockerclub war in Neumünster von Nazis wie dem ehemaligen NPD-Landesvorsitzenden Peter Borchert oder dem aus Neustadt i.H. nach Neumünster gezogenen Alexander Hardt, der in Ostholstein zur rechtsterroristischen „Combat 18“-Zelle gehörte und u.a. an der Schändung des jüdischen Friedhofs beteiligt war, zum Leben erweckt worden. Im so genannten Rockerkrieg mit den verfeindeten Hells Angels um die Vorherrschaft im Drogen-, Waffen- und Menschenhandel war auch die „Titanic“ mehrfach Schauplatz von Auseinandersetzungen, u.a. schlug eine Gruppe um Borchert und Hardt in der Kneipe einen Dartspieler zusammen. Wegen all dieser Vorfälle erklärte die Polizei im Jahre 2014 auch den Bereich um die „Titanic“ zum Gefahrengebiet.

Nach der Schließung des „Club 88“, den die Nazis als „very last resort“ bezeichnet hatten, hat die „Titanic“ die entstandene Lücke gefüllt. Da gerade die NPD ihre Kräfte auf Neumünster konzentriert, kann zusammenfassend gesagt werden, dass die Nationaldemokraten, aber auch die gesamte Naziszene in Schleswig-Holstein ohne die „Titanic“ kaum noch über Infrastruktur und somit über Möglichkeiten verfügen würde, ihre menschenverachtende Propaganda zu verbreiten. Eine Schließung der Kneipe von Horst Micheel wäre ein wichtiger Schritt hin zu einem friedlichen Zusammenleben in einem bunten Neumünster.

Weiterlesen:
Chronologie einiger Vorfälle rund um die „Titanic“ [1] [2]

Kampagne: Titanic versenken!

Seit der Schließung des „Club 88“ und der Zusammenlegung der NPD Kreisverbände im KV Mittelholstein mit dem Epizentrum Neumünster entwickelt sich die Nazikneipe „Titanic“ in der Stadt an der Schwale mehr und mehr zum zentralen Treffpunkt der Naziszene in Schleswig-Holstein. Schon vor mehr als zehn Jahren gingen von hier Jagden auf Menschen aus, die nicht in das Weltbild der Nazis passen, es gab damals sowie in den Folgejahren immer wieder Übergriffe auf die Moschee oder die Aktion Jugendzentrum. Vor allem auch die Nazirocker der Bandidos frequentierten die Kneipe häufig, ihr Unterstützerverein Contras, dem auch der Sohn von Horst Micheel angehörte, feierte hier sein einjähriges Bestehen, regelmäßig kam es in oder vor der Titanic zu Schlägereien oder Messerstechereien zwischen verfeindeten Rockergruppen. Parallel bot die Partei schon damals der extrem rechten NPD ein Zuhause, neben Landesvorstandstreffen gab es hier aber auch regelmäßig Rechtsrockkonzerte mit menschenverachtenden Texten. Im Kommunalwahlkampf 2018 spielte die Kneipe in der Wippendorfstraße dann endgültig die zentrale Rolle: Hier fanden sowohl das Vortreffen der KandidatInnen als auch der Wahlkampfauftakt, zu dem der mehrfach vorbestrafte NSU-Unterstützer Thorsten Heise als Redner eingeladen wurde, und die Wahlparty statt. Hier laufen die Stränge von Reichsbürgern, extrem rechter Parteipolitik, Kameradschaftszene und rechtsterroristischem Umfeld zusammen, die Kneipe schafft es aber dennoch immer wieder, einen unpolitischen Charakter vorzugaukeln. Mit Dartturnieren, WM-Übertragungen oder Discoabenden, für die jeweils mit bunten Plakaten geworben wird, will aber Horst Micheel, der inzwischen für die NPD in der Ratsversammlung sitzt, nicht nur von seinen Naziumtrieben ablenken, sondern auch Menschen am Stammtisch agitieren und an die Partei und die Naziszene heranzuführen.

Die am 20. Oktober 2018 anlaufende antifaschistische Kampagne „Für mehr Eisberge – Titanic versenken“ will eben diesen braunen Sumpf trockenlegen. In der Stadt an der Schwale sollen die Menschen wieder für die extrem rechten Umtriebe der Titanic sensibilisiert werden, um es den Nazis schwer zu machen, als Wolf im Schafspelz Wähler_innenstimmen zu fischen. Wir laden zudem die Einwohner_innen und Besucher_innen der Stadt dazu ein, sich in Zeiten des Rechtsrucks und neu auflodernder rechter Pogrome klar für ein solidarisches Miteinander und gegen ein rassistisches, nationalistisches und antisemitisches Weltbild auszusprechen und der Titanic als dem zentralen Ort neonazistischer Aktivitäten in Schleswig-Holstein die rote Karte zu zeigen. Erst recht nach den Erfahrungen der NSU-Mordserie und Pogromen wie in Chemnitz fordern wir:

Titanic versenken – Nazikneipen dichtmachen!