Offener Brief an den Vermieter der „Titanic“ Neumünster

Betreff: Mietvertrag der Kneipe „Titanic“ Neumünster

Sehr geehrter Herr XXX,

wir wenden uns heute mit einem Offenen Brief an Sie in Ihrer Funktion als Vermieter der Gaststätte „Titanic“.

Für uns steht fest: Wir betrachten Sie nicht als unseren Feind, sondern als potentiellen Verbündeten im Kampf gegen extrem rechte Umtriebe in der Stadt. Bereits vor einigen Jahren gab es persönliche Gespräche mit Ihnen über die Machenschaften in der „Titanic“, damals betonten sie, klar gegen Nazis zu sein, aber „keine aktuellen Hinweise“ auf Naziaktivitäten in der von Ihnen vermieteten Lokalität zu haben. Diese Belege haben wir Ihnen mehrfach zu kommunizieren versucht, leider gelang uns dies anscheinend nicht in ausreichender Art und Weise. Anlässlich der Kampagne „Titanic versenken – Nazikneipen dichtmachen!“ haben wir diese auf unserem Blog noch einmal übersichtlich zusammengefasst, so dass auch Sie diese nachlesen können. Im Anhang an diesen Brief finden Sie zudem noch einmal eine chronologische Auflistung einiger Vorfälle rund um die „Titanic“. Im Kampagnenaufruf fordern mehr als 100 Bands, Gruppen, Sportvereine, Initiativen und Vereine sowie diverse Einzelpersonen, unter ihnen auch Mitglieder des Bundestags und des Landtags, die Schließung der Nazikneipe „Titanic“ – Sie als Vermieter hätten nun die Möglichkeit, Ihren Beteuerungen von vor ein paar Jahren nun endlich Taten folgen zu lassen und ihre Lokalität nicht weiter an Nazis zu vermieten und damit die gesamte extrem rechte Szene Norddeutschlands strukturell zu unterstützen. Eine ordentliche Kündigung im Gewerbemietrecht setzt keine Begründung voraus, selbst eine fristlose Kündigung ohne Begründung kann statthaft sein.

Bitte teilen Sie uns bis zum 25.11.2018 mit, wie Sie mit der “Titanic” weiter verfahren wollen. Wenn Sie Fragen oder Gesprächsbedarf haben, stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Kampagne „Titanic versenken – Nazikneipen dichtmachen!“

ANHANG

Chronologie einiger Vorfälle rund um die „Titanic“ Neumünster

2005

Mai: Nach mehreren Übergriffen auf AJZ­-Veranstaltungen durch Nazis aus der „Titanic“ erscheint ein erstes Flugblatt, in dem über die Vorfälle informiert wird. Es kommt zudem zu Übergriffen auf Menschen mit Migrationshintergrund.

31. Oktober: Ein jugendlicher Nazi aus der „Titanic“ zeigt im Imbiss „Dönerquelle“ den Hitlergruß und droht verbal „… ihr Scheiß Kanaken, wir kriegen euch!“

Am 22. Dezember sprühen Nazis in der Färberstrasse etliche Hakenkreuze und SS-Runen auf Verkehrsschilder und Häuserwände, darunter auch an die Fatih­-Moschee.

2006

21. Januar: An einer vom „Bündnis gegen Rechts“ organisierten Demonstration gegen die „Titanic“ nehmen rund 600 Menschen teil. Die NPD veröffentlicht daraufhin Artikel, in der sie schwere Vorwürfe gegen die AJZ, die angeblich einzige Urheberin der Proteste sei, erhebt. Kurz nach Erscheinen des NPD-Artikels wird die AJZ nachts mit Hakenkreuzen und Naziparolen beschmiert.

Im Verfassungsschutzbericht Schleswig-­Holstein von 2006 wird auf die Gewaltproblematik hingewiesen. Dort heißt es: „Dem „Club 88″ ist mit einer anderen Gaststätte in Neumünster inzwischen Konkurrenz erwachsen. Für eine hohe Anziehungskraft scheint dort die Nähe zu einem vom politischen Gegner besuchten Jugendzentrum zu sorgen.“

2007

31. März: Der Wirt der „Titanic“, Horst Micheel, nimmt mit seinem Sohn Pascal Micheel an einer NPD-Demonstration in Lübeck teil.

Oktober: Die Lokalpresse berichtet erstmals über die Naziübergriffe aus der Titanic.

24. November: Horst Micheel marschiert zusammen mit dem Vermieter der „Titanic“, Wolfgang Tiemann, und seinem Sohn Pascal Micheel auf einer „Club 88“­-Demonstration in den Reihen der Nazis mit.

2008

19. Januar: Bei einem restlos ausverkauften Konzert in der AJZ kommt es wieder zu Provokationen durch Nazis aus der „Titanic“, u.a. Pascal Micheel und Rene Martens. Mit Ledergürteln bewaffnet überqueren sie die Kreuzung und gehen auf Gäste des AJZ­Konzerts los. Erst als etwa 5­6 Streifenwagen der Polizei erscheinen, ziehen sich die Nazis in die „Titanic“ zurück.

März: Ein Nazi aus der „Titanic“ zerstört mit Pflastersteinen zwei Scheiben der anliegenden Fatih-­Moschee. Auf seinem Rückweg in die „Titanic“ wird er von der Polizei festgenommen und gesteht die Tat.

01. Mai: Horst Micheel beteiligt sich am Aufmarsch der NPD und der „Autonomen Nationalisten“ in Hamburg. Am Rande der Demo kommt es zu Jagdszenen auf die anwesende Presse.

06. Juni: Die „Club 88“­-Konzessioninhaberin Christiane Dolscheid übernimmt den Ausschank in der Titanic, während Horst Micheel mit anderen Nazis die Holstenköste besucht.

06. September: Neonazis reißen die Werbung aus den Schaukästen der AJZ und bekleben das Gebäude mit diversen Naziaufklebern.

13. September: Gäste der „Titanic“ versuchen z.T. mit Gewalt, das Sommerfest des Bündnis gegen Rechts zu stören. Dabei kommt es zu mehreren Platzverweisen durch die Polizei, am späten Abend wird ein Nazi in Gewahrsam genommen.

04. Oktober: Bei den Feierlichkeiten zum 12. Geburtstag des „Club 88“ wird die Live-­Musik aus dem „Club 88“ in die Titanic verlegt. Mehrere Autokonvois fahren vom „Club“ direkt in die Friedrichstraße zur „Titanic“. Zeitweise sind über 80 Neonazis der überregionalen Naziszeneanwesend. Als Liedermacher traten Martin Krause sowie Marco Eckert, Sänger der bedeutendsten schleswig-­holsteinischen Neonaziband „Words of Anger“, auf.

2009

01. Mai: Horst Micheel, sein Sohn Björn Micheel und andere Leute aus dem Titanic­-Umfeld pöbeln unter erheblichem Alkoholeinfluss auf dem DGB-­Fest herum. Aus dieser Gruppe heraus wird ein Antifaschist vor dem SPD-­Stand tätlich angegriffen.

16. Mai: Rund 10 Nazis der „AG Kiel“ und „AG Neumünster“ sammeln sich vor der „Titanic“. Auf ihrem Heimweg überfallen sie vor den Holstenhallen eine kleine Tierrechts-­Gruppe und schlagen mindestens zwei Personen, die schon am Boden liegen, so stark zusammen, dass diese im Krankenhaus behandelt werden müssen. Erst durch das mutige Einschreiten eines Passanten lassen die Nazis von den Opfern ab.

Ende Mai: Die Plakate der AJZ werden in dem Schaukasten an dem Gebäude angezündet.

06. Juni: Horst Micheel beteiligt sich am Naziaufmarsch „Tag der deutschen Zukunft“ in Pinneberg.

05. Dezember: Etwa 60 „Bandidos“ aus ganz Deutschland sammeln sich in und vor der „Titanic“, um danach geschlossen zum Kampfsportevent „Fight Night“ zu fahren. Nazirocker Alexander Hardt versucht dabei, in die AJZ einzudringen.

2010

26. März: Laut Presseberichten feiern die „Bandidos“ die Hochzeit eines ihrer Mitglieder in der „Titanic“.

01. April: Die „Titanic“ nimmt den Betrieb in den neuen Räumlichkeiten in der Wippendorfstraße 38 offiziell auf.

20. November: Der „Bandidos“­-Ableger „Contras“ feiert sein einjähriges Bestehen in der „Titanic“. Die etwa 170 Gäste reisen auch aus Mecklenburg-­Vorpommern, aus dem Ruhrgebiet sowie aus Dänemark an, die Polizei stellt drei Messer zur Gefahrenabwehr sicher.

2011

Februar: „Blick nach rechts“ berichtet darüber, dass das „Titanic“-­Dart-­Team wegen der Naziumtriebe in der Kneipe vom Elektronik­Dart­-Sportverband Norddeutschland e.V. ausgeschlossen worden ist.

23. März: Ein von der „Titanic“ organisiertes Konzert mit der bei Nazis beliebten Band „Kategorie C“ am Stadtrand wird wegen strenger Auflagen vom Anwalt der „Titanic“ wieder abgesagt.

2012

30. Januar: Anschlag auf das Büro der LINKEN: Zum wiederholten Male wird ein Pflasterstein durchs Bürofenster geworfen.

17. Mai: Schlägerei vor der „Titanic“ zwischen mindestens 18 Personen, die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung und Bedrohung.

2013

13. Januar: Der Landesvorstand der NPD trifft sich in der „Titanic“.

Mai 2013: Bei den Kommunalwahlen kandidieren auch Horst Micheel sowie sein Sohn Pascal Micheel für die NPD.

09. Mai: Mehrere dutzend Nazis, einige von ihnen in „Club 88“-­Shirts, mischen sich unter eine Menge von Feiernden in der Umgebung der „Titanic“ in Neumünster. Nach einer Schlägerei zwischen den Gästen kommt es zu einem Polizeieinsatz.

Nach den diversen Vorkommnissen an der „Titanic“ wird das Gebiet von der Polizei als „gefährlicher Ort“ nach § 181 (1), Ziff. 1, LVwG deklariert.

18. Juni: Protest gegen den Einzug von NPD-­Kandidat Proch in die Ratsversammlung. Horst Micheel begleitet Proch bis zum Rathaus.

2014

Juni: Der als Neonazi und „Titanic“­-Gast bekannte Neumünsteraner Sven S. wirft an Pfingsten die Scheibe des Linken-­Parteibüros ein.

05. Juli: Wieder Anschlag auf Parteibüro der Linken: Zum mittlerweile fünften Mal innerhalb der letzten zwei Jahre wird ein Anschlag auf das LINKEN­-Parteibüro in Neumünster verübt. Diesmal wird mit einer Gehwegplatte die Schaufensterscheibe eingeworfen.

12. Juli: Ca. 100 Nazis nehmen an einem „Liedermacherabend“ in der „Titanic“ teil, unter ihnen Anhänger der militanten Gruppen „Weisse Wölfe Terrorcrew“, „Sturmabteilung Faldera“ aus Neumünster, sowie der „Hammerskins“. Die Polizei beschlagnahmt Tonträger und Waffen.

09. August: Pascal Micheel veranstaltet ein Fußballturnier mit vier Nazi­-Mannschaften aus ganz Schleswig-­Holstein. Das Catering übernimmt die „Titanic“.

02. September: Vor dem Kieler Landgericht startet der Prozess um einen gewalttätigen Übergriff, der sich im Jahr 2009 in der „Titanic“ ereignet hat. Angeklagt sind die inzwischen bei den „Bandidos“ aktiven, langjährigen Nazis Peter Borchert, Nils Hollm und Alexander Hardt. Den drei Männern, die sich 2009 der Rockerszene angeschlossen haben wird vorgeworfen, einen 45­jährigen Mann schwer verletzt zu haben, weil sie vermuteten, er würde einer verfeindeten Gruppierung angehören.

28.11.: In der „Titanic“ gründet sich der extrem rechte „Bund für Deutschland“, der auch bei Wahlen antreten will. Federführend sind Wirt Horst Micheel sowie Manfred Riemke.

2015

24. November: Die erste Demonstration der rassistischen Gruppe „Neumünster wehrt sich“ auf dem Kleinflecken bringt 100 Nazis aus ganz Norddeutschland auf die Straße, unter ihnen auch Leute aus dem „Titanic“-­Team. Ihr Aufmarsch kommt wegen Blockaden allerdings nur 50 Meter weit.

2016

16. Januar: Pascal Micheel beteiligt sich an der Kundgebung von „Neumünster wehrt sich“ auf dem Kantplatz in Neumünster.

23. April: Die „Titanic“ stellt die Tontechnik für die Kundgebung von „Neumünster wehrt sich“ auf dem AOK-­Parkplatz.

2017

August: Zum wiederholten Male tagt der Landesvorstand der NPD in der „Titanic“, es werden Nazis aus Neumünster, Lübeck, Ostholstein sowie dem Kreisverband Westküste gesichtet.

In der Nacht auf den 21. Oktober werden erneut die Scheiben der AJZ zerstört.

Dezember: Die Weihnachtsfeier der NPD findet in der “Titanic” statt.

2018

11. Januar: Nachdem “Big Harry” sein Konzert in der „Titanic“ abgesagt hat, verbreitet die NPD Falschmeldungen über angebliche Bedrohungen von dessen Familie.

25. März: Wahlkampfveranstaltung der NPD in der “Titanic”, u.a. mit einem Redebeitrag von Thorsten Heise.

06. Mai: Nach Mark Proch zieht nun auch Horst Micheel in die Ratsversammlung ein.

Ende September: Erneut werden nachts die Scheiben am Glaskasten der AJZ zerstört.